Journal aus dem Atelier
01.10.2026
Über die Welt hinaus: Was uns der Blaue Reiter heute übers Malen erzählt
Wenn ich samstags morgens die Adalbertstraße entlang zum Atelier gehe, denke ich manchmal daran, dass hier in Schwabing vor gut hundert Jahren ein paar Leute die Malerei ziemlich gründlich auf den Kopf gestellt haben. Wassily Kandinsky wohnte ab 1908 mit Gabriele Münter in der Ainmillerstraße 36 – nur ein Stück weiter nördlich. Gerade jetzt lohnt es sich besonders, diesen Gedanken mit ins Museum zu nehmen: Das Lenbachhaus zeigt die große Sammlungspräsentation „Über die Welt hinaus. Der Blaue Reiter".
Was ist im Lenbachhaus gerade zu sehen?
Die Ausstellung läuft seit dem 10. März 2026 und ist noch bis zum 5. September 2027 zu sehen. Gezeigt werden über 150 Werke, darunter Neuzugänge der Sammlung – zum Beispiel großformatige abstrakte Kompositionen von Wilhelm Morgner. Neben den bekannten Namen wie Kandinsky, Franz Marc, Gabriele Münter, August Macke, Paul Klee, Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin begegnet man auch Künstlerinnen und Künstlern, die viele noch nicht kennen: Elisabeth Epstein, Emmy Klinker, Maria Franck-Marc, Albert Bloch oder Heinrich Campendonk.
Spannend finde ich den Blickwinkel: Der Blaue Reiter wird nicht als rein Münchner Angelegenheit erzählt, sondern als Netzwerk des Austauschs – mit Verbindungen bis ins Russische Reich und in die USA. Die Schau entstand in Kooperation mit der Gabriele Münter- und Johannes-Eichner-Stiftung und gehört zu den Vorbereitungen auf das Jubiläum „100 Jahre Lenbachhaus 1929/2029". Kuratiert haben Melanie Vietmeier und Matthias Mühling.
Farbe als Ausdruck – nicht als Abbild
Was mich an dieser Gruppe bis heute berührt, ist eine einfache, aber mutige Idee: Eine Farbe muss nicht stimmen, um wahr zu sein. Ein Pferd darf blau sein, ein Berg violett, ein Himmel gelb. Nicht, weil man es so sieht, sondern weil es sich so anfühlt. Kandinsky hat dafür in seiner Schrift „Über das Geistige in der Kunst", die Ende 1911 im Münchner Verlag von Reinhard Piper erschien, den Begriff der „inneren Notwendigkeit" geprägt. Gemeint ist: Ein Bild entsteht aus dem, was in einem selbst drängt – nicht aus der Pflicht, die Welt möglichst genau nachzumachen.
1912 folgte, ebenfalls bei Piper, der Almanach „Der Blaue Reiter". Darin standen Volkskunst, Kinderzeichnungen und Musik gleichberechtigt neben Malerei. Das war damals eine Provokation. Heute lese ich es als eine Art Erlaubnis.
Warum das für dich beim Malen wichtig ist
In meinen Kursen erlebe ich oft, dass Menschen sich am Anfang selbst im Weg stehen. Der Satz „Das sieht aber gar nicht echt aus" fällt häufiger als jeder andere. Dabei ist genau dieser Moment eine Einladung. Die Maler des Blauen Reiter konnten sehr wohl naturgetreu malen – und haben sich trotzdem dafür entschieden, es anders zu machen. Sie haben sich gefragt: Was will ich eigentlich sagen?
Diese Frage steht dir auch zu. Egal, ob du zum ersten Mal einen Pinsel in der Hand hast oder seit Jahren malst.
Drei Gedanken, die du aus dem Museum mitnehmen kannst
- Farbe darf Stimmung tragen. Probier einmal, eine vertraute Szene – deinen Balkon, eine Straßenecke in Schwabing – in den Farben zu malen, die zu deiner Stimmung passen, nicht zu dem, was du siehst.
- Vereinfachen ist kein Mangel. Viele Bilder des Blauen Reiter arbeiten mit klaren Flächen und kräftigen Konturen. Weglassen braucht Mut, aber es schärft den Blick für das Wesentliche.
- Gemeinsam sieht man mehr. Der Blaue Reiter war kein einsames Genie, sondern ein Kreis von Menschen, die sich gegenseitig angeregt haben. Das ist auch der Grund, warum ich das Malen in kleiner Runde so schätze.
Kurz gefragt: Der Blaue Reiter im Lenbachhaus
Wie lange läuft die Ausstellung „Über die Welt hinaus. Der Blaue Reiter"?
Die Präsentation im Lenbachhaus München läuft vom 10. März 2026 bis zum 5. September 2027. Du hast also viel Zeit – und kannst auch mehrmals hingehen.
Welche Künstlerinnen und Künstler sind zu sehen?
Unter anderem Wassily Kandinsky, Franz Marc, Gabriele Münter, Marianne von Werefkin, Alexej von Jawlensky, August Macke, Paul Klee, Heinrich Campendonk, Wilhelm Morgner, Elisabeth Epstein, Emmy Klinker und Albert Bloch – insgesamt über 150 Werke.
Was hat der Blaue Reiter mit Schwabing zu tun?
Kandinsky und Münter lebten ab 1908 in der Ainmillerstraße 36 in Schwabing. Der Kreis um sie hat von München aus die Kunst um 1910 radikal neu gedacht. Wer heute durch das Viertel geht, läuft gewissermaßen durch die Nachbarschaft der Moderne.
Kann ich als Anfänger so malen wie der Blaue Reiter?
Ja, und zwar ohne Druck. Es geht nicht ums Kopieren, sondern um die Haltung: Farbe als Ausdruck zu nutzen. Das funktioniert mit Acryl genauso wie mit Aquarell, Öl oder Mixed Media.
Ein kleiner Ausblick
Wer nach dem Blauen Reiter noch mehr Lust auf Abstraktion hat: Ab dem 27. Oktober 2026 widmet das Lenbachhaus der Künstlerin Maria Jarema eine eigene Ausstellung. Ich bin gespannt darauf.
Vom Museum ins Atelier
Ich finde, ein Museumsbesuch wirkt am stärksten, wenn man danach selbst etwas ausprobiert. Wenn du Lust hast, die Eindrücke aus dem Lenbachhaus mit Pinsel und Farbe weiterzudenken, komm gern samstags von 10 bis 13 Uhr in meinen Malkurs im Atelier in der Adalbertstraße. Du entscheidest an jedem Termin selbst, mit welcher Technik du arbeiten möchtest – und niemand erwartet ein fertiges Meisterwerk. Wenn du lieber in Ruhe für dich an einer Idee arbeiten willst, sind vielleicht meine Einzelstunden das Richtige. Und falls noch Fragen offen sind, schau gern in die FAQ.
19.10.2026
Ölfarbe ohne Angst: Was „fett über mager“ wirklich bedeutet
09.10.2026
Fritz Winter in der Pinakothek der Moderne: Der Mann, der im Krieg das Wachsen malte
06.10.2026
Herbstlaub in Aquarell: Wie du Nass-in-Nass entspannt lernst
01.10.2026
Über die Welt hinaus: Was uns der Blaue Reiter heute übers Malen erzählt
27.09.2026
Weniger Farben, mehr Farbe: Malen mit der begrenzten Palette
20.09.2026
Ein Samstagvormittag im Atelier – wie ein Malkurs bei mir wirklich abläuft
18.09.2026
Aquarell oder Acryl? Wie du als Anfänger die richtige Technik für dich findest
16.09.2026
