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Der Herbst in seiner vollen Pracht

Journal aus dem Atelier

06.10.2026

Herbstlaub in Aquarell: Wie du Nass-in-Nass entspannt lernst

Wenn ich im Oktober morgens zum Atelier in der Adalbertstraße gehe, liegt das erste Laub schon auf dem Gehweg. Ahorn, Kastanie, Linde – Gelb, Rostrot, ein Braun mit einem grünen Rest darin. Jedes Jahr nehme ich ein paar Blätter mit ins Atelier. Sie sind die besten Modelle für eine Technik, die viele Einsteiger fürchten und die meisten nach dem ersten Versuch lieben: Nass-in-Nass im Aquarell.

Was bedeutet Nass-in-Nass eigentlich?

Nass-in-Nass heißt: Du setzt Aquarellfarbe auf Papier, das noch feucht ist. Die Farbe bleibt dann nicht dort, wo der Pinsel sie abgelegt hat, sondern läuft weich aus, mischt sich mit benachbarten Tönen und bildet fließende Übergänge ohne harte Kanten. Das Gegenstück ist Nass-auf-Trocken: Da landet die Farbe auf trockenem Papier und behält eine klare Kontur.

Für Herbstlaub ist das ideal. Ein Blatt, das von Gelb über Orange nach Rot verläuft, musst du nicht mühsam mischen und glätten – das Wasser erledigt einen großen Teil der Arbeit für dich. Deine Aufgabe ist eher, im richtigen Moment loszulassen.

Das brauchst du für den Anfang

  • Aquarellpapier mit Gewicht: Etwa 300 g/m² ist ein guter Startpunkt. Dünnes Papier wellt sich stark, sobald es nass wird, und die Farbe sammelt sich in den Mulden. Papier mit hohem Baumwollanteil hält die Feuchtigkeit länger und gibt dir mehr Zeit.
  • Drei bis vier Farben: Ein warmes Gelb, ein Rot, ein erdiges Braun (etwa gebrannte Siena) und vielleicht ein Blau für dunklere Stellen. Mehr brauchst du nicht – aus wenigen Farben entstehen erstaunlich viele Herbsttöne.
  • Zwei Pinsel: einen breiten, weichen zum Befeuchten und einen runden mittlerer Größe mit guter Spitze für die Farbe.
  • Zwei Wassergläser, ein Küchentuch – und ein paar echte Blätter vom Spaziergang.

Der eigentliche Trick: das Timing

Bei Nass-in-Nass entscheidet weniger die Pinselführung als die Frage, wie nass das Papier gerade ist. Halte das Blatt schräg gegen das Licht, dann siehst du es:

  • Glänzend nass: Die Farbe schießt weit auseinander, wird hell und sehr weich. Schön für zarte Hintergründe, aber schwer zu steuern.
  • Seidenmatt feucht: Der Glanz ist gerade weg, das Papier fühlt sich noch kühl an. Jetzt verläuft die Farbe kontrolliert – das ist meist der beste Moment für Blätter.
  • Fast trocken: Hier wird es heikel. Setzt du jetzt sehr wässrige Farbe hinein, entstehen sogenannte Blüten (auch „Ausblühungen" oder englisch „blooms"): ausgefranste, wolkige Ränder, weil das Wasser zurück in die halbtrockene Farbe drückt.

Eine Faustregel, die ich im Atelier immer wieder weitergebe: Der Pinsel sollte nie nasser sein als das Papier. Viel Pigment, wenig Wasser im Pinsel – dann verläuft die Farbe weich, ohne dass alles ausblüht. Und falls doch eine Blüte entsteht: Bei Herbstlaub sieht sie oft aus wie ein welker Fleck. Manchmal ist der „Fehler" das schönste Detail im Bild.

Übung: Ein Ahornblatt in drei Schritten

1. Form befeuchten statt ganzes Blatt

Zeichne mit Bleistift ganz leicht den Umriss eines Blattes. Dann befeuchtest du mit klarem Wasser nur die Fläche innerhalb dieser Form. So bleibt die Farbe im Blatt, und die Ränder werden trotzdem lebendig.

2. Farben einsetzen und laufen lassen

Sobald der Glanz nachlässt, tupfst du Gelb in die Mitte, Orange und Rot an die Spitzen, ein wenig Braun an den Stiel. Nicht verstreichen! Lass die Farben aufeinander zulaufen. Wenn du das Papier leicht kippst, kannst du die Richtung sanft lenken.

3. Trocknen lassen – dann die Adern

Jetzt kommt der schwierigste Teil: abwarten. Erst wenn das Blatt vollständig trocken ist, malst du mit der Pinselspitze und etwas dunklerer Farbe die Blattadern hinein. Dieser Wechsel von weich zu klar macht das Bild lebendig – Nass-in-Nass und Nass-auf-Trocken arbeiten hier zusammen.

Male ruhig fünf oder sechs Blätter nebeneinander auf einen Bogen. Nach dem dritten spürst du, wann das Papier „bereit" ist. Dieses Gefühl kann dir kein Buch erklären, das bekommst du nur durch Wiederholung.

Kurz gefragt

Kann ich Nass-in-Nass als absoluter Anfänger lernen?

Ja. Gerade Einsteiger profitieren davon, weil die Technik den Anspruch an perfekte Pinselstriche wegnimmt. Du lernst dabei vor allem, Wasser zu beobachten – eine Grundlage für alles Weitere im Aquarell.

Warum wellt sich mein Papier so stark?

Meist ist das Papier zu dünn oder sehr ungleichmäßig nass. Mit schwererem Papier um 300 g/m² und gleichmäßig verteiltem Wasser wird es deutlich besser. Wer großformatig arbeitet, kann das Papier zusätzlich auf eine Platte kleben.

Geht das auch mit Acryl?

Ähnliche weiche Übergänge sind auch mit verdünnter Acrylfarbe möglich, sie trocknet aber schneller und verhält sich anders. Wenn du unsicher bist, welche Technik zu dir passt, hilft dir vielleicht mein Beitrag Aquarell oder Acryl?

Dein Herbst-Skizzenbuch

Mein Vorschlag für die nächsten Wochen: Nimm bei jedem Spaziergang – ob im Englischen Garten, im Luitpoldpark oder einfach auf dem Weg zum Bäcker – ein Blatt mit. Male es noch am selben Tag, nur zehn Minuten, ohne Anspruch. Am Ende des Monats hast du eine kleine Sammlung, die dir zeigt, wie viel sich in kurzer Zeit tut. Und wie unterschiedlich ein Münchner Herbst aussehen kann.

Lust, es gemeinsam auszuprobieren?

Wenn du Nass-in-Nass lieber einmal unter Anleitung erleben möchtest: Samstags von 10 bis 13 Uhr treffen wir uns in kleiner Runde im Atelier in Schwabing. Du entscheidest an jedem Termin selbst, ob du Aquarell, Acryl, Öl oder Mixed Media malst – Anfänger und Fortgeschrittene sitzen ganz selbstverständlich am selben Tisch. Bring gern ein paar Blätter mit. Wer lieber in Ruhe allein mit mir arbeitet, findet bei den Einzelstunden den passenden Rahmen. Ich freue mich auf dich.

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