Journal aus dem Atelier
09.10.2026
Fritz Winter in der Pinakothek der Moderne: Der Mann, der im Krieg das Wachsen malte
Das Schlimmste, was mir an einem Samstagvormittag im Atelier passieren kann, ist ein Pinsel, den jemand über Nacht im Acryl hat stehen lassen. Ab heute hängen in der Pinakothek der Moderne Bilder von einem Maler, für den das Wort „Malverbot“ keine Redensart war, sondern ein amtlicher Bescheid. Die Ausstellung heißt „Die Nacht berührt die Erde. Fritz Winters Kosmos der 1930er und 40er Jahre“ und läuft vom 9. Oktober 2026 bis zum 21. Februar 2027. Anlass ist sein 50. Todestag, Grundlage ist sein Nachlass, der jetzt neu zugänglich ist.
Ich war noch nicht drin. Aber ich habe mich vorher schon eine Weile mit einer Frage herumgeschlagen, die mir nicht aus dem Kopf geht: Warum malt jemand weiter, wenn um ihn herum alles dunkel wird? Und was, bitte, malt er dann?
Wer war Fritz Winter?
Fritz Winter wurde 1905 in Altenbögge in Westfalen geboren und starb am 1. Oktober 1976 in Herrsching am Ammersee. Ab 1927 studierte er am Bauhaus in Dessau, unter anderem bei Paul Klee und Wassily Kandinsky. Wer meinen Beitrag über den Blauen Reiter im Lenbachhaus gelesen hat, kennt die beiden. Man könnte sagen: Winter hat sein Handwerk bei zwei Herren gelernt, die vorher in München das Malen ziemlich gründlich umgekrempelt hatten. Gute Adresse.
Dann wird die Biografie schwer, und da gibt es auch nichts zu witzeln. 1937 wurden Werke von ihm als „entartet“ beschlagnahmt, er erhielt Mal- und Ausstellungsverbot. Ab 1939 war er Soldat, unter anderem an der Ostfront, 1944 wurde er schwer verwundet. Nach Kriegsende saß er bis 1949 in sowjetischer Gefangenschaft. Danach gehörte er zu den wichtigen Stimmen der abstrakten Malerei in der jungen Bundesrepublik: Gründungsmitglied der Münchner Gruppe ZEN 49, Professor in Kassel, vertreten auf der ersten documenta 1955. Gelebt und gearbeitet hat er viele Jahre in Dießen am Ammersee. Also quasi beim Nachbarn, wenn man in Schwabing großzügig misst.
Was sind die „Triebkräfte der Erde“?
Im Zentrum der Ausstellung steht eine Folge kleiner Bilder, die Winter 1944 gemalt hat, während seines Genesungsurlaubs nach der Verwundung: die „Triebkräfte der Erde“. Jetzt würde man vielleicht erwarten, dass darauf zu sehen ist, was er gesehen hat. Soldaten, Ruinen, Elend. Ist es aber nicht. Zu sehen sind Zellen, Keime, Kristalle, Lichtpunkte. Formen, die aussehen, als wollten sie gleich wachsen. Die Pinakothek beschreibt die Folge als Feier der elementaren Naturkräfte und als Metapher für die Überwindung des Nationalsozialismus.
Man muss sich das einmal vorstellen. Ein Mann, verwundet, mitten im Krieg, mit offiziellem Verbot, überhaupt zu malen. Und er malt nicht das Ende der Welt, sondern ihren Anfang. Ich weiß nicht, ob ich das gekonnt hätte. Wahrscheinlich nicht.
Dass er nicht weggeschaut hat, zeigt die Ausstellung übrigens auch: Dazu gehören Hunderte Zeichnungen, in denen Winter seine Erfahrungen als Soldat verarbeitet, die Zerstörung, die Vernichtung. Er hat also beides getan. Hingesehen und trotzdem festgehalten, was lebt. Das eine ohne das andere wäre entweder Verzweiflung oder Kitsch.
Und was hat das mit uns zu tun, die wir einfach gern malen?
Erst einmal: Ich will unsere Lage nicht mit seiner vergleichen. Wer samstags zu mir in die Adalbertstraße kommt, hat in der Regel keinen Krieg hinter sich, sondern eine Woche. Aber auch eine Woche kann ziemlich voll sein. Nachrichten, Arbeit, die Steuererklärung, der Nachbar mit der Bohrmaschine.
Und da passiert etwas, das ich seit über zwanzig Jahren im Unterricht beobachte. Die Leute setzen sich vor ein weißes Blatt und wollen zuerst einmal etwas „Richtiges“ malen. Eine Vase. Einen Baum. Den Englischen Garten im Herbst. Und irgendwann, meistens so gegen halb zwölf, wird der Pinsel umgedreht, und es wird mit dem Stiel etwas in die nasse Farbe gekratzt. Kein Motiv mehr, nur noch Bewegung. Das sind oft die Bilder, über die hinterher am meisten geredet wird.
Abstraktion ist kein Ausweichen, sondern eine Sprache für das, wofür es kein Motiv gibt. Das ist im Grunde der ganze Gedanke, den mir Winters Bilder noch einmal vor Augen führen. Eine dunkle Fläche mit einem hellen Punkt darin kann mehr erzählen als ein sorgfältig gemaltes Stillleben. Und das Format spielt dabei keine Rolle: Winters „Triebkräfte“ sind klein. Wer meint, für etwas Wesentliches brauche man eine Leinwand in Garagentorgröße, darf sich hier entspannt zurücklehnen.
Ein kleiner Versuch für zu Hause
Nimm dir zwei, drei kleine Blätter, etwa in Postkartengröße, und eine sehr begrenzte Palette: ein dunkles Blau, ein Erdbraun, ein warmes Gelb. Leg auf jedem Blatt zuerst eine dunkle Grundstimmung an. Und dann lass aus der Mitte heraus etwas Helles entstehen. Einen Kern, eine Zelle, ein Licht. Kein Motiv, kein Ziel, keine Note am Ende. Einfach zuschauen, was da wachsen will. Ob du das mit Aquarell, Acryl oder Ölkreide machst, ist dem Blatt herzlich egal.
Kurz beantwortet: Fritz Winter in München
Wo und wann ist die Fritz-Winter-Ausstellung zu sehen? „Die Nacht berührt die Erde. Fritz Winters Kosmos der 1930er und 40er Jahre“ läuft vom 9. Oktober 2026 bis 21. Februar 2027 in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40. Kuratiert hat sie Anna Rühl.
Warum gerade jetzt? Fritz Winter starb am 1. Oktober 1976. 2026 jährt sich sein Todestag zum 50. Mal.
Was sind die „Triebkräfte der Erde“? Eine Folge kleinformatiger, abstrakter Bilder, die Winter 1944 nach einer schweren Verwundung malte. Statt Kriegsszenen zeigen sie Naturkräfte wie Zellen, Kristalle und Lichtformen.
Lohnt sich die Ausstellung für Hobbymalerinnen und Hobbymaler? Ja. Gerade weil man dort sehen kann, wie Abstraktion entsteht: aus Erfahrung, aus Beobachtung und aus dem Wunsch, etwas Inneres sichtbar zu machen. Öffnungszeiten und Eintrittspreise stehen aktuell auf der Website der Pinakothek der Moderne.
Von der Barer Straße in die Adalbertstraße
Von der Pinakothek der Moderne zu mir ins Atelier ist es ein kurzer Spaziergang Richtung Schwabing. Vielleicht ist das ja ein Plan für einen grauen Herbsttag: erst Winters Bilder anschauen, dann selbst den Pinsel in die Hand nehmen. Oder umdrehen und mit dem Stiel kratzen. Beides ausdrücklich erlaubt.
Im Samstagskurs ist dafür Platz: jeden Samstag von 10 bis 13 Uhr, in kleiner Runde, mit Aquarell, Acryl, Öl oder Mixed Media, je nachdem, wonach dir an dem Tag ist. Wer lieber erst einmal allein und im eigenen Tempo anfangen möchte, für den sind vielleicht die Einzelstunden das Richtige. Leistungsdruck gibt es bei mir übrigens nicht. Eingetrocknete Pinsel schon.
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